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Kendrick Lamar sprich über Depression und psychische Erkrankungen - Zeichnung

Kendrick Lamar: Rap über Depression und Therapie

You really need some therapy

Kendrick Lamar steht für vieles. Er ist Pulitzer-Preisträger, eine wichtige Stimme in der Black Lives Matter Bewegung, tritt spirituell auf, ruft dazu auf, für ihn zu beten (”Pray for me”, 2018). Woran man, zumindest bis zu seinem neuen Album “Mr. Morale & The Big Steppers” (2022) nicht sofort denkt, ist dass Kendrick Lamar die Themen Depression, Traumata und Therapie schon häufig musikalisch aufgegriffen hat. Wie ihm dies in seinem letzten, wie eine Therapiestunde konzipierten Album gelingt, lest ihr in dem neuen Text auf Semikolon.

Inhalt

United in Grief

Ein Album wie eine Therapiestunde – so oder so ähnlich kann man Kendrick Lamars Album “Mr. Morale & The Big Steppers” (2022) hören.

“I hope you find some peace of mind in this lifetime”, lautet die erste Zeile des Albums, auf das seine Fans fünf Jahre lang gewartet haben. Kendrick Lamar steht für vieles: für sein Album DAMN (2017) wurde er mit dem dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet – als erster Rapper jemals. Von Obama wurde er ins weiße Haus eingeladen, nicht zuletzt weil der davon beeindruckt war, wie Lamar unter anderem mit dem Song “Alright” (2015) zum Sprachrohr der Black Lives Matter Bewegung wurde. Kendrick Lamar ist spirituell, religiös, mystisch behaftet.

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Sein neues Album wirkt auf den ersten Blick wie ein Bruch damit. Erst auf den zweiten Blick liegt ein Fokus bei gesellschaftlichen Themen. Denn: im ersten Moment geht es um ihn, seine ganz persönliche Geschichte und seinen daraus erwachsenden Blick auf die Welt – eine Entmystifizierung. Zwar ist das für Rap nichts neues und hat quasi schon Tradition, erinnert man sich an Eminems “8 Mile” oder “Brendas got a baby” von 2Pac. Das Subgenre hat sogar einen eigenen Namen bekommen: Storytelling-Rap. Das gesamte Album ist im Sinne der Aufarbeitung der eigenen Geschichte strukturiert; ein dichtes Gewebe aus Erfahrungen, die er reflektiert und von denen er heutige Ansichten und Verhaltensweisen ableitet.

“I’ve been going through something”, so lautet die zweite Zeile von “United in grief”, dem ersten Lied des Albums. Diese Line, die sich anhört wie ein Geständnis, ist auf dem Album Programm. Lamar wird persönlich, wirkt auf einmal gar nicht mehr wie der Held und Erlöser, als der er gefeiert wird: “He is not your savior”, heißt es in “Savior”.

Auf dem achtzehn Lieder umfassenden Doppel-Album nimmt Kendrick Lamar die Zuhörer:innen mit zu einer achtzigminütige Selbstbeobachtung, während der die einzelnen Songs so konzipiert sind, dass ihre Themen der Inhalt einer Therapie-Sitzung hätten sein können. Und genau dieses Thema macht Lamar ganz explizit: “I went and got me a therapist”, heißt es in “United in Grief” weiter. Spätestens damit, schon im ersten Song, wird Lamar also doch irgendwie wieder gesellschaftspolitisch, adressiert offen das Thema Therapie und mentale Gesundheit: als Rapper, der nicht höher gefeiert werden könnte, der ganze Strophen lang “Fuck you” im Duett wiederholt.

M.A.A.D. City

Nicht erst mit dem neuen Album thematisierte Kendrick Lamar das Thema psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit.

Schon auf seinem zweiten Studioalbum “M.A.A.D. City” (2012) thematisiert Lamar sein Aufwachsen und die soziopolitischen Schwierigkeiten mit denen die Black Community in den USA konfrontiert ist. Auf dem Albumcover ist Kendrick Lamar als Kind zu sehen, gemeinsam mit seinem Großvater und zwei Onkels. Sein Aufwachsen, die Strukturen seiner Familie und die frühe Konfrontation mit Alkohol und Sucht sind immer wieder Gegenstand seiner Musik. Darum geht es auch in dem Lied “Swimming Pools”. “Pass out, drank, wake up, drank, faded, drank, faded, drank”, rappt Lamar und beschreibt damit den Kreislauf von Alkoholmissbrauch in jungem Alter. Die Möglichen Gründe dafür siedelt er ganzheitlich auf unterschiedlichen Gebieten an: physisch “the way it feels”, psychologisch “kill their sorrows” und sozial “fit in with the popular”.

To pimp a butterlfy

Das Thema psychische Erkrankungen taucht aber nicht nur in Lamars Rap immer wieder auf. So sprach der Rapper 2015 in einem Interview mit MTV offen über Depression und Suizidgedanken, unter denen er während den Aufnahmen für sein Album “To pimp a butterfly” (2015) gelitten habe. In diesem Kontext thematisiert er besonders, dass es schwer sei, die Unterschiede in seinem Leben in Balance zu bringen. Auf der einen Seite der global gefeierte HipHop-Star, auf der anderen Seite sein Aufwachsen in Compton im Süden von L.A. Von dort weggekommen zu sein, während viele seiner Bekannten noch immer darum kämpften, beschreibt er als “surviver´s guilt”. Das Album “To pimp a butterfly” habe er als eine Art der persönlichen Therapie empfunden: sich mit den eigenen Dämonen auseinanderzusetzen und besser zu verstehen. Besonders die beiden Songs “u” und “i” wurden zum Vorbild, Depressionen zu thematisieren. So taucht die Zeile “I’ve been dealing with depression ever since an adolescent”, die Lamar in “i” rappt, in einem Clip der Kampagne “Find your words”, des US-Amerikanischen Gesundheitsunternehmens Kaiser Permanente auf, um einen Weg zu zeigen, wie über Depression gesprochen werden kann.
“Nothing was as vulnerable as that record,” erzählte Lamar später. “It’s pulling from the experience of going through change and accepting change — that’s the hardest thing for man, accepting change.”

Auch in “u” rappt er mit offenen Worten über seine psychische Erkrankung, explizit über Suizidgedanken:

“Shoulda killed yo a– a long time ago / You shoulda feeled that black revolver blast a long time ago / And if those mirrors could talk it would say ‘you gotta go’ / And if I told your secrets / The world’ll know money can’t stop a suicidal weakness.”

u - Kendrik Lamar

Tatsächlich eröffneten die offenen und persönlichen Zeilen Lamars einen gesellschaftlichen Diskurs; viele Medien berichteten über Depression und Wege, damit offen(er) umzugehen. Einer von fünf US-Amerikanischen Erwachsenen leidet laut der Substance Abuse and Mental Health Service Administration an einer mentalen Erkrankung. Das sind über 52 Millionen Menschen. Was Kendrick Lamar auf persönliche Weise anspricht, ist ein Massenthema.

Nicht bei jedem Menschen mit Depressionen kommen die gleichen Symptome vor. Und sie sind nicht immer gleich stark ausgeprägt. Je nach Person und Situation kann es sein, dass einige Symptome gar nicht, andere sehr stark auftreten.

Die häufigsten Symptome der Depression sind:

  • Niedergeschlagenheit und gedrückte Stimmung
  • Lustlosigkeit und Antriebslosigkeit
  • Erschöpfung
  • Verlust von Freude und Interesse an Dingen, die einmal Spaß gemacht haben
  • Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Minderung bis hin zu Verlust des Selbstwertgefühls und -vertrauens
  • Appetitverlust
  • Suizidgedanken

Die Symptome einer Depression führen dazu, dass der:die Betroffene Veränderungen im Außen kaum noch wahrnimmt. Ob etwas Gutes oder Schlechtes geschieht, hat dann oft nur noch wenig Einfluss auf die Gefühle der betroffenen Person. 

Mr. Morale & The Big Steppers

Auf persönliche Weise: So geschieht es wieder in Mr. Morale & The Big Steppers (2022). Kendrick Lamar packt in den unterschiedlichen Liedern Kindheitserinnerungen aus, rappt über die Missbrauchserfahrungen, die seine Mutter machen musste, über Selbstzweifel und Vaterkomplexe.

In “Father time” gesteht der damals 35-Jährige beispielsweise, sich mehr liebevolle Gesten seines Vaters gewünscht zu haben: “Lookin‘ for, „I love you, “ rarely empathizin‘ for my relief”. Stattdessen aber sollte er stark sein, keine Schwäche zeigen, nicht weinen. “You really need some therapy”, so beginnt er den Song. “My life is a plot, twisted from directions that I can’t see / Daddy issues run across my head, told me, „Fuck a foul“, heißt es später im Lied.

Einem Vaterkomplex gehen meist traumatische Erlebnisse oder Vernachlässigung in Kindheit und Jugend voraus. Pathologisch tritt der Vaterkomplex besonders häufig bei jungen Frauen aus unsicheren sozialen Verhältnissen auf.

Ein Vaterkomplex kann sich auf verschiedene Art und Weise ausdrücken:

  • Bindungsstörung (wenn ein Kind keine belastbare Beziehung zu einer Bezugsperson aufbauen konnte)
  • Einfluss auf die spätere Partnerwahl durch Verlustängste
  • Suche nach Bestätigung und Geborgenheit (Ersatzfigur für fehlenden oder missbräuchlichen Vater)
  • Bindungsüberbetonung (Kontrollzwang, Vertrauensverlust)

Auf persönliche Weise: So geschieht es wieder in Mr. Morale & The Big Steppers (2022). Kendrick Lamar packt in den unterschiedlichen Liedern Kindheitserinnerungen aus, rappt über die Missbrauchserfahrungen, die seine Mutter machen musste, über Selbstzweifel und Vaterkomplexe.

In “Father time” gesteht der damals 35-Jährige beispielsweise, sich mehr liebevolle Gesten seines Vaters gewünscht zu haben: “Lookin‘ for, „I love you, “ rarely empathizin‘ for my relief”. Stattdessen aber sollte er stark sein, keine Schwäche zeigen, nicht weinen. “You really need some therapy”, so beginnt er den Song. “My life is a plot, twisted from directions that I can’t see / Daddy issues run across my head, told me, „Fuck a foul“, heißt es später im Lied.

In der Interlude “Savior” wird später Eckhard Tolle, ein spiritueller Autor, der besonders in den USA sehr beliebt ist, zitiert: “Let’s say, bad things were done to you when you were a child, and you develop a sense of self that is based on the bad things that happened to you”.

Sich damit zu verbinden, diese Aussage zu verstehen, ist recht leicht. Wieder gelingt es Lamar so, in Verbindung mit seiner eigenen Geschichte die Massen zu erreichen, Selbstreflektion anzustoßen, hört man richtig hin.

Kendrick Lamar inszeniert sich allerdings nicht nur als Opfer der Umstände, in denen er aufgewachsen ist, gesteht nicht nur Selbstzweifel wie schon in “u” mit der an sich selbst adressierten Zeile “You fuckin‘ failed!”, sondern auch eigene Fehlerhaftigkeit, indem er von der Untreue zu seiner Partnerin Whitney Alford, die auf dem neuen Album immer wieder als Instanz der Verantwortung auftaucht, erzählt. “Insecurities that I project, sleepin‘ with other women”, rappt er über das eigene Verhältnis zu Sexualität in “Mother I Sober”.

Die Fülle an Reflektion, der offene Umgang mit Therapie, das alles kam nicht ohne Hürden. “Our grandparents don’t know about that. You live and you experience the shit that you go through and you deal with it right then and there. Or you don’t never deal with it.”, erzählt Lamar in einer Spotify-Kurzdokumentation darüber, dass es keineswegs der selbstverständliche Weg für ihn war, sich dafür zu entscheiden, eine Therapie zu machen – und auch das ist kein individuelles Problem.

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Das Album endet versöhnlich. “So I set free myself from all the guilt that I thought I made”, rappt Lamar weiter in “Mother I Sober”. Wie nach dem Ende der Selbst-Therapie, nach allen Geständnissen und den Selbstzweifeln, macht sich der Rapper frei davon, statt in Erinnerungsschleifen zu verweilen, die Zuhörer:innen werden nicht zurückgelassen mit der Masse an belastenden Themen, sondern bekommen einen Bogen, der sich schließt, einen friedlich gestimmten Ausblick.

Kendrick Lamars Kunst ist nicht erst seit “Mr. Morale & The Big Steppers” voll von politischen und sozialen Themen, sondern auch immer wieder von persönlichen Erzählungen seiner psychischen Erkrankung. Hört man genau genug hin, und das muss man bei “Mr. Morale & The Big Steppers”, finden sich viele Zeilen über Traumata, Therapie und Verknüpfungen von Erfahrungen mit dem Hier und Jetzt.

So persönlich Kendrick Lamar damit auftritt, so sehr spricht er ein Thema an, was viele betrifft und kann somit nicht nur zum spirituellen und politischen, sondern auch zum Vorbild darin werden, Stigmata zu brechen und sich verletzlich zu zeigen.

Telefonseelsorge Deutschland, kostenfrei, anonym und rund um die Uhr erreichbar: 0800 / 111 0 111

Oder hier per Mail und Chat.

Eine Liste der bundesweiten Hilfsstellen findet du hier:

Suizidprophylaxe.

Deutsche Depressionshilfe.

Sozialpsychiatrischer Dienst.

In jedem Krankenhaus ist es möglich, sich zu Tag und Nacht in der Notaufnahme zu melden. Auch Rettungsdienste (112) und Polizei (110) können im Notfall angerufen werden.

Auch wenn du dir Sorgen um einen Menschen machst, kannst du dich an die Hilfsangebote wenden.

Wenn dich das Thema von Druck durch die Öffentlichkeit und psychischen Erkrankungen als Musiker interessiert, klicke hier oder hier.

Dieser Beitrag wurde von einer ärztlichen Psychotherapeutin redigiert. 

Maja

Maja

“Psychische Erkrankungen begegnen uns häufiger als wir denken. Wir müssen hinsehen und darüber reden.”