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Avicii Zeichnung vier Jahre nach Suizid

Avicii – Warum die Songs vier Jahre nach seinem Suizid anders klingen

Dear Society, you are moving way too fast

Vor vier Jahren nahm sich der DJ Tim Bergling, alias Avicii, im Alter von 28 Jahren das Leben. Seine Musik wird oftmals mit Party und Freiheit in Verbindung gebracht. Hört man nach dem Tod des Künstlers einmal genauer auf die Texte der Songs, wird eine andere Seite sichtbar. Sie geben einen Hinweis auf die psychische Verfassung Tim Berglings. Beständiger Stress, enormer Leistungsdruck sowie fehlende Verarbeitungsmöglichkeiten führten dazu, dass Tim Bergling unter Angstzuständen und Panikattacken litt.

Inhalt

Partymusik und psychische Erkrankung

„I don't want you to see how depressed I've been / never wanted to die young […] „I don't want you to see all the scars within“

Freak, 2019

„Ich will nicht, dass du siehst, wie deprimiert ich bin / wollte nie jung sterben / Ich will nicht, dass du all die Narben im Inneren siehst“

Diese Zeilen aus dem Song „Freak“ des DJs Avicii, mit echtem Namen Tim Bergling, wirken bedrückend, wenn man das 2019 erschienene Lied hört. Ein Jahr zuvor, am 20. April 2018, nahm sich Bergling das Leben. Bühnenshows spielen und unter Panikattacken leiden, mit entzündeter Bauchspeicheldrüse um die Welt reisen, Partymusik und traurige Texte – vieles in der Lebensgeschichte Tim Berlings scheint auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen.

Hört man die Musik des Künstlers jedoch in dem Wissen, dass dieser jahrelang tablettenabhängig und psychisch sowie körperlich stark belastet war, bleiben die Lieder nicht allein „Gute Laune“-Musik. In „Tim – Die offizielle Avicii-Biografie“ von Måns Mosesson wird durch private Chatverläufe, Tagebucheinträge Berglings und zahlreiche Interviews mit Familie, Freunden und Kollegen des Musikers ein intimer Einblick in dessen Leben gewährt. Der steile Karriereweg, die Stürze währenddessen und die Probleme des Künstlers, die im Rampenlicht der Weltbühnen keinen Platz hatten, werden vor dem:der Leser:in offengelegt.

Früher Erfolg und fehlende Stressbewältigung

„Sometimes, I get a good feeling / Get a feeling that I never never never never had before“

Levels, 2011

„Manchmal bekomme ich ein gutes Gefühl / Bekomme ein Gefühl, was ich nie, nie, nie zuvor hatte.“

So lautet der Text des ersten Hits Aviciis, der in den US-Amerikanischen Charts auf Platz 1 landet. Mit achtzehn Jahren hat er seinen ersten Manager, arbeitet viel und schläft wenig, gewinnt einige Jahre später Grammys, tourt um die ganze Welt und gibt über Tausend Konzerte, bis er sich 2016 von der Bühne zurückzieht.

Schon in jungem Alter hat er einen durchgetakteten Terminkalender: innerhalb von zwei Jahren spielt er 600 Gigs überall auf der Welt, gibt Interviews, wird von der Öffentlichkeit beobachtet. Dabei begleiteten ihn Angst und Anspannung. Er hat Panikattacken und Stimmungsschwankungen, verliert Gewicht, verletzt sich selbst und schlägt seine Hand in einem Angstzustand gegen eine Wand. Infolge der Selbstverletzung muss er einige Wochen mit verbundener Hand auftreten.

Er wird gefeiert, für die Musik und die Auftritte, für die Beats, zu denen man tanzen und scheinbar alles vergessen kann. Bevor Bergling auf die Bühne geht, trinkt er einen Shot Jägermeister, sein Ritual. Dann tritt er ins Rampenlicht, steht vor Tausenden jubelnden Menschen und liefert ab, auch wenn seine Hand wehtut, sein Bauch schmerzt, er die Angst in diesem Moment unterdrücken muss.

Körperliche Erkrankungen

„All this time I was finding myself, and I didn't know I was lost“,

Wake me up, 2013

„Die ganze Zeit habe ich versucht, mich selbst zu finden und wusste nicht, dass ich verloren war.“

Das Gefühl von Verlorenheit passt zu vielen Momenten, die in Tim Berglings Biografie von Mosesson beschrieben werden. Immer wieder wird Bergling von körperlichen Erkrankungen geplagt, mit Anfang zwanzig sorgt seine damalige Freundin Emily Goldberg dafür, dass er wegen seiner starken Bauchschmerzen ins Krankenhaus gebracht wird. Dort stellt sich heraus, dass seine Bauchspeicheldrüse entzündet ist. Die Crew des DJs hatte gezögert, ihn einliefern zu lassen – schließlich habe er doch am Abend noch einen Auftritt, der solle stattfinden. Der Auslöser für die Entzündung sei eine Mischung aus Berglings starken Akne-Medikamenten und Alkohol, sagen die Ärzte. Es bleibt nicht das einzige Mal, dass Bergling spontan ins Krankenhaus eingeliefert werden muss, wenige Jahre später muss er sich schließlich die Gallenblase entfernen lassen. Allerdings erst, nachdem die aktuelle Tour abgeschlossen war – ein ganzes Jahr wird die OP hinausgezögert.

Abhängig von Schmerzmitteln

“Well life will pass me by if I don't open up my eyes / Well that's fine by me”,

Wake me up, 2013

“Das Leben wird an mir vorbeiziehen, wenn ich meine Augen nicht öffne / Das ist für mich in Ordnung”

So endet die erste Strophe des Liedes “Wake me up”. Die Frage, was an ihm vorbeizieht und für was er seine Augen öffnen muss, schien Bergling in Verbindung mit seiner mentalen Gesundheit immer wieder beschäftigt zu haben.

Doch die Zeit, das herauszufinden, fehlte oft. Noch im Krankenhaus arbeitet Bergling an neuen Liedern, beschreibt die Zeit im Krankenhausbett als so etwas wie Ferien, endlich mal keine Termine, endlich mal eine Auszeit – trotz der schlechten gesundheitlichen Verfassung.

Gegen die Schmerzen bekommt er Oxycodon, ein Opiod mit hohem Suchtpotenzial. Als er die Tabletten zum ersten Mal nimmt, ist er gerade zwanzig. Doch auch nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden ist und wieder tourt, nimmt er die Tabletten weiter, wird süchtig danach. Länger als sechs Jahre lang ist Bergling tablettenabhängig, neben Oxycodon schluckt er unter anderem Xanax und Morphium. Nachdem Bergling in Mexiko eine Überdosis nimmt, wächst die Sorge von Familie und Freunden. In der Öffentlichkeit ist er weiter der Star-DJ, zu dessen Musik man so gut feiern kann.

Die Tablettensucht und den Alkohol beschreibt Bergling einige Jahre später als „a coping mechanism for my anxiety“. Die Betäubung durch Drogen sei seine Bewältigungsstrategie gewesen, gegen die Angst und das Gefühl von Kontrollverlust über sein Leben. Die Spirale, in der sich Bergling bewegte, verengte sich immer weiter, bestimmt von seinem Management, Erwartungen der Öffentlichkeit, Überarbeitung. Jedes Symptom, ob körperlich oder psychisch – Pillen sollen die Lösung sein.

Entzug und Therapie

„But I'm in pieces, pick me up, and put me together, oh these are the days we’ve been waiting for / on days like these, who could ask for more“

The Days, 2014

„Aber ich bestehe nur noch aus Stücken, heb mich auf und setz mich zusammen / dies sind die Tage, auf die wir gewartet haben / Wer könnte mehr verlangen“

Wie im Songtext schien auch Tim Berglings Lebensweg durch einen Taumel zwischen berauschter Hochstimmung und Verzweiflung geprägt zu sein: Kreischende Fans, Tage, an denen er nicht einmal Kraft zum Duschen hat, weniger werdender Kontakt zu seiner Familie. Er bewegt sich zwischen Arbeitswahn, körperlichen Zusammenbrüchen, Sucht und psychischen Krisen.

Im gleichen Herbst, in dem „The Days“ in Schweden auf Platz 1 chartet, entscheiden sich Freunde und Familie Berlings dazu, gemeinsam mit dem Suchttherapeuten John McKeown eine Intervention durchzuführen. Auf Anraten seiner Vertrauten lässt sich Bergling darauf ein, in einer Klinik einen Entzug und eine Therapie zu machen. Während dieser Zeit schreibt er an seinen Freund Jesse Waits: „I´ve felt completely powerless and overwhelmed by the machine that is Avicii.“. (Deutsch: Ich fühlte mich völlig machtlos und überwältigt von der Maschine, die Avicii ist.“)

Während des Aufenthalts in der Klinik hat Bergling zum ersten Mal seit Jahren Zeit, in der er nicht von einem zum nächsten Termin hetzen muss. In einer E-Mail an seine Mutter Anki schreibt er über die Zeit, in der Drogen und immer mehr Arbeit der Ausweg zu sein schienen: „You just escape the problem […] you just deflect and deflect and it all turns into super anxiety in the end“. (Deutsch: „Man flüchtet vor dem Problem […], man lenkt sich ab und lenkt sich ab, und am Ende wird das Ganze zu einer Riesenangst.“)

Als Ersatz für die Drogen und neue Ablenkung beginnt Bergling damit, exzessiv Sport zu machen und Tagebuch zu schreiben. Er reflektiert seine Vergangenheit und schreibt seine Gedanken auf, die in Ausschnitten in der Biografie des Künstlers nachzulesen sind. Mit seinem Therapeuten John McKeown hält Bergling auch nach dem Klinikaufenthalt Kontakt, immer wieder sprechen sie miteinander, wenn es Bergling nicht gut geht oder er den Austausch über philosophische Themen sucht.

Rückfälle und Rückzug von der Bühne

„I caught the edge of a knife / And it hurts just a little […] / I might hate myself tomorrow / But I'm on my way tonight“

Lonely Together, 2017 (Rita Ora)

„Ich habe die Schneide eines Messers erwischt / Und es tut nur ein bisschen weh [...] / Vielleicht hasse ich mich morgen / Aber heute Abend bin ich auf dem Weg“

2016 entscheidet sich Tim Bergling dazu, nicht mehr aufzutreten und mit sofortiger Wirkung alle weiteren Shows abzusagen. In diesem Moment sitzt Tim Bergling Backstage, hat eine erfolgreichen Auftritt hinter sich. Das Publikum war zufrieden, konnte nicht sehen, wie sich der Künstler währenddessen fühlte, dass er meist unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol auf die Bühne ging. In einem Interview mit dem Rolling Stone erklärt er: „I wasn´t getting any happiness anymore“ (Deutsch: „Ich erlebte keinerlei Glück mehr.“) Berglings Ziel sei es nie gewesen, aufzutreten, sondern Musik zu machen. Dafür sollte er nun nach acht Jahren mit Shows auf der ganzen Welt wieder Zeit haben. Außerdem beginnt er, Musikvideos zu produzieren und plant eine Dokumentation über die Schattenseiten des Partylebens auf Ibiza. Er möchte auf die Drogentote im Nachtleben aufmerksam machen, hat die Vision, anderen Menschen zu helfen.

Obwohl die Entscheidung gegen die Auftritte für Bergling gut zu sein schien, spielen Drogen weiterhin eine Rolle. Trotz des Entzugs wird er rückfällig. Mit Freunden nimmt er Ayahuasca, einen psychedelisch wirkenden Pflanzensud, erhofft sich dadurch eine Verbesserung seiner psychischen Gesundheit und entwickelt Interesse an „magic mushrooms“.

Auf Fotos des Künstlers sieht man ihn an einem Mischpult sitzen, vor ihm eine orangene Plastikdose mit Tabletten, neben ihm eine Alkoholflasche, in sich Zweifel  an seinem Tun und seiner Vision – eine erneute künstlerische Krise, wie es Mosseson beschreibt.

Die letzten Tage Tim Berglings

„Dear Society / you are moving way too fast / Way too fast for me / I’m just tryna to catch my breath“

Peace of mind, 2019

„Liebe Gesellschaft / Du bewegst dich viel zu schnell / Viel zu schnell für mich / Ich versuche nur, Luft zu holen“

Sich an die Anforderungen von Außen anzupassen und sich selbst nach vorne zu bringen, habe seine Lebenslust zum Verschwinden gebracht, schrieb Bergling in einer E-Mail an seinen Manager Arash Pournouri, der ihn entdeckt und berühmt gemacht hatte.

Die Spiritualität, die ihn mehr zu sich selbst führen und gegen die Angst wirken soll, spielt eine immer größere Rolle in Berglings Leben. Er beginnt, sich mit Transzendentaler Meditation und Manifestation auseinanderzusetzen. Im Frühling 2018 fliegt Bergling mit Freunden, die ihn jahrelang auf seinen Touren begleitet haben, in den Oman.

Von dort aus schreibt er an seinen Freund Jesse Waits: „I keep noticing how I am no longer anxious and I am a very, very anxious person!“ (Deutsch: „Ich bemerke, dass ich nicht mehr ängstlich bin. Und ich bin eine sehr sehr ängstliche Person.“) Berglings Eltern erhalten Nachrichten ihres Sohnes, in denen er von musikalischem Fortschritt berichtet. Doch seine Freunde, die gemeinsam mit ihm im Oman sind, melden sich besorgt, schildern ganz andere Dinge als die, die Tim Bergling nach Hause schreibt. Bergling säße den gesamten Tag meditierend am Pool und habe aufgehört, zu sprechen. 

Am 20. April 2018 nimmt er sich das Leben.

Das Nachwirken Aviciis

„Can you hear me? S.O.S. Help me put my mind to rest / Two times clean again, I'm actin' low / A pound of weed and a bag of blow / I can feel your love pullin' me up from the underground.“

SOS, 2019

„Kannst du mich hören? S.O.S. Hilf mir, meine Gedanken zur Ruhe zu bringen / Zweimal clean, ich benehme mich mies / Ein Pfund Gras und eine Tüte Koks / Ich spüre deine Liebe, die mich aus dem Untergrund hochzieht.“

Die Öffentlichkeit trauert über den Tod Tim Berglings. Auf großen Gedenkfeiern wird die Musik des Künstlers gespielt, viele sind berührt, viele tanzen zu den Beats des DJs, dessen Musik die meisten mit Freiheit und Feiern in Verbindung bringen. Die Geschichte von seinem Leben und Tod bewegt bis heute viele. Partyhits und seelisches Leiden – Beides war Lebensinhalt des Künstlers und schließt sich nicht aus.

Die Musik, an der Bergling 2017 und 2018 arbeite, wird ein Jahr nach seinem Tod veröffentlicht. Eine Reihe an Songs, darunter SOS und Peace of mind, hinterlässt Bergling noch unfertig. Die Lieder werden von unterschiedlichen Künstler:innen fertiggestellt und 2019 auf dem Album TIM veröffentlicht. In SOS scheint Bergling zu reflektieren: Zwei Mal clean, trotzdem Drogen – er sendet ein S.O.S. ab.

Im Gedenken an ihren Sohn gründen Anki Lidén und Klas Bergling 2019 die Tim Bergling Foundation. Die Organisation unterstützt Projekte für Suizidprävention bei jungen Menschen. Klas Bergling setzt sich in der Zeit nach Tim Berglings Tod viel mit psychischer Gesundheit auseinander, erfährt, dass in Schweden siebenmal mehr Menschen durch Suizid als durch Autounfälle sterben. Aus allem, was geschehen ist, etwas Konstruktives ziehen, das ist das Ziel von Berglings Eltern. Und sie wollen damit einen Wunsch ihres Sohnes erfüllen: „to encourage and help other people reflect“. (Deutsch: „Anderen Menschen helfen und sie zum Nachdenken anregen“)

Dieser Beitrag wurde von einer ärztlichen Psychotherapeutin redigiert. 

Maja

Maja

“Psychische Erkrankungen begegnen uns häufiger als wir denken. Wir müssen hinsehen und darüber reden.”