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Kurzrezensionen Semikolon Blog

Kurzkritiken #geradejetzt

Drei Bücher vor Weihnachten

Winter bedeutet Lese-Zeit. Wir besprechen für euch den Roman “Zeiten der Langeweile” von Jeniger Beck, die autobiografische Erzählung “Meine Schwester” von Bettina Flitner und die Essay-Sammlung “Schambereich. Über Sex sprechen” von Christine Koschmieder.

Inhalt

“Zeiten der Langeweile” von Jenifer Becker

Mila entscheidet sich, dass sie ohne das Internet leben will. Sie löscht nicht nur Instagram und Facebook und kündigt ihre Mitgliedschaften bei Netflix und Spotify, sondern möchte gar nicht mehr auffindbar sein, sie lässt alle Einträge, die über sie zu finden sind, löschen. Als Gegenteil der digitalen Nomadin tut sich eine bis dato fast vergessene Langeweile für Mila auf. Das Leben ohne Internet wird für sie von einer Entscheidung zur Obsession, in der sie in Einsamkeit versinkt. Der Roman “Zeiten der Langeweile” zielt in das, was vor einigen Monaten noch die Öffentlichen sowie privaten Debatten dominiert hat: Corona-Maßnahmen, Familienmitglieder, die zu Verschwörungstheoretiker:innen werden und Online-Trends wie BeReal finden ihren Platz in der Erzählung. Der Protagonistin dabei zu folgen, wie sie sich in eine selbstauferlegte Lebensform hineinsteigert, welche Hürden sie auf sich nimmt und wie sich ihre Gedanken ohne den Austausch mit anderen in Extreme schaukeln, hat durchaus spannungsreiche Elemente. Doch eine wirkliche Nähe zur Protagonistin stellt sich nicht ein, ihre Handlungen folgen weitgehend der erzählerischen Logik, dass sie sich immer weiter hinausziehen will aus dem Internet und dem alltäglichen Leben. In Rückblicken erfährt der:die Leser:in vom Suizid des Vaters und ihrem psychisch kranken Ex-Freund. Diese Seiten-Geschichten tauchen nur in den Gedanken der Protagonistin auf und erwecken zeitweise den Eindruck, dass sie vor allem deshalb erzählt werden, um ihr mehr Tiefe zu verleihen – oder ihr abrutschen in kaum noch nachvollziehbare Handlungsmuster zu rechtfertigen. Der Roman bildet die Innenwelt der Protagonistin ab, mit all ihren Zweifeln und Prinzipien, an denen sie sich festhält. Dabei geht leider immer wieder der Erzählfluss der Geschichte verloren und die Erzählung verbleibt zum Schluss bei einer Zustandsbeschreibung.
Jenifer Becker Zeiten der Langeweile Buchcover

“Meine Schwester” von Bettina Flitner

Behutsam seziert die Fotografin Bettina Flitner ihre Familiengeschichte. Ausgelöst durch den Suizid ihrer Schwester im Jahr 2017 wirft sie einen Blick zurück und erzählt wachsam und offen aus ihrer gemeinsamen Kindheit. Über allem schwebt das große “Warum”. Warum hat ihre Schwester sich umgebracht?

Flitner nimmt ihre Leser mit in ihr Aufwachsen in der BRD der 1960er und 70er-Jahre. Nach Hause zu einer Mutter, die sagt, dass sie nicht älter als 47 werden wird, zu einem Vater der sagt: “Entweder man wird geliebt, oder man wird geachtet.” Genau beobachtet die Autorin die Strukturen in ihrer Familie, die Kritik, die Streits, die offen bekannten Affären der Eltern. Immer an ihrer Seite steht ihre schöne, große, bewundernswerte Schwester. Ihre Schwester, die als Kind für ihr Gewicht kritisiert wurde, die Schwierigkeiten in der Schule hatte, die Beziehungen zu älteren Männern beginnt.

Trotzdem wird der Ton nie angreifend, niemandem wird eine Schuld zugewiesen. Erst kindlich, dann jugendlich, schließlich erwachsen ist der ganz persönliche Blick, den Bettina Flitner auf ihre Familie hat, und die Depression, die die verschiedenen Mitglieder immer wieder befällt.

Ausgehend vom Tod ihrer Schwester spannt die Autorin den Blick in die Kindheit und setzt Gegenschnitte, die die Beziehung zwischen den erwachsenen Schwestern zeigen. Beide Zeitachsen nähern sich einander an.

Es geht nicht darum zu erfahren, was noch passieren wird. Sondern darum, dem Einfühlsamen, klaren aber behutsamen Blick der Autorin zu folgen.

Oft schluckt man beim Lesen. Wenn Flitner im Kinderalter beobachtet, wie die Depression wieder zu ihrer Mutter kommt, wie eine Grippe, die sich langsam anbahnt. Wenn die Mutter schließlich stirbt, mit 47 Jahren. Wenn sie sich fragt, ob sie den Tod ihrer Schwester nicht hätte kommen sehen müssen.

Zum Ende des Buchs schreibt Bettina Flitner, das Schreiben habe ihr gegen das Gefühl der Hilflosigkeit geholfen. Das ist in den Zeilen zu spüren. Sie zeigt uns, dass auch Fragen stellen heilsame Aspekte haben kann. Nicht nur Antworten.

Bettina Flitner Meine Schwester Cover

“Schambereich. Über Sex sprechen” von Christine Koschmieder

Nach ihrem Roman “Dry” (2022), in dem Christine Koschmieder über ihre Sucht und Sehnsüchte schreibt, ist nur eineinhalb Jahre später ihre neue Essay-Sammlung “Schambereich” erschienen.

Auf dem Cover ist die Autorin selbst zu sehen. Nackt, mit vor die Brüste gezogenen Beinen und einer Papiertüte über dem Kopf.

In den drei Abschnitten “Kartierung”, “Aneignung” und “Verbindung” zeigt sie schließlich immer mehr von ihrem Gesicht, so wie sie die Leser:innen immer Näher an ihrer persönlichen Geschichte teilhaben lässt. Von der theoretischen Auseinandersetzung mit Sexualforschung und -therapie tastet sich Koschmieder an ihre eigenen Verhaltensmuster, die Auswirkungen ihrer Alkoholsucht, ihrer Scham und Familiengeschichte, heran.

Sie berichtet von ihrer Betäubung durch Alkohol, die Beziehung zu einem Süchtigen, den Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen und dem Wunsch, dies zu lernen. Bei all diesen Überlegungen bleibt Koschmieder differenziert und gibt sich nicht der Verlockung hin, auf diese Fragen und Wünsche Antworten zu liefern, die wie eine Abpausfolie für alle geltend gemacht werden können.

Bei all diesen Überlegungen bleibt Koschmieder differenziert und gibt sich nicht der Verlockung hin, auf diese Fragen und Wünsche Antworten zu liefern, die wie eine Abpausfolie für alle geltend gemacht werden können.

Während sich die Autorin in “Dry” noch mehr mit der Beziehung zu ihrem Vater auseinandersetze, widmet sie sich in “Schambereich” immer wieder den Erinnerungen an ihre Mutter und versucht zu verstehen, welchen Einfluss die Anorexie und Alkoholsucht ihrer Mutter auf ihr eigenes Verhältnis zu Körperlichkeit und Sexualität haben. “Sie hat sich selbst zensiert, hat versucht ihren weiblichen Körper zum verschwinden zu bringen”, (S. 173) heißt es an einer Stelle. Koschmieder berichtet autobiografisch von ihrer Suche nach dem, was sie eigentlich will. Dabei geht es gar nicht unbedingt nur um Sex. “Ich will Raum einnehmen”, schließt Koschmieder irgendwann. Dabei geht es um Nähe und Intimität, nicht um die passende Stellung.

Christine Koschmieder Schambereich Buchcover
Hinweis: Die Bücher wurden dem Semikolon Blog von den jeweiligen Verlagen zur Verfügung gestellt.

Dieser Beitrag wurde von einer ärztlichen Psychotherapeutin redigiert. 

Maja

Maja

“Psychische Erkrankungen begegnen uns häufiger als wir denken. Wir müssen hinsehen und darüber reden.”