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Baek Sehee - Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch

„Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch” von Baek Sehee #geradejetzt

Gefühlsgezeiten

Die deutsche Übersetzung des koreanischen Erfolges “Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch” trendet auch in Deutschland. In zwölf Kapiteln zeichnet die Autorin ihren persönlichen Therapieprozess nach. Schafft sie es damit, Stigmata abzubauen?

Inhalt

Therapie-Protokolle als TikTok-Trend

Auf TikTok ging es viral, stapelweise liegt es in den Buchhandlungen aus. Geworben wird mit dem Satz: “Ein Buch, das man in dunklen Zeiten zu Hand nehmen sollte”. Die Rede ist von Baek Sehees “Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch”. Die deutsche Übersetzung des in Korea bereits 2018 erschienen Buchs trifft auch 2023 noch den Zeitgeist.

Baek Sehee arbeitet in der Social Media Abteilung eines Verlagshauses. Sie ist erfolgreich und gleichzeitig ständig niedergeschlagen, verliert sich in Gedankenschleifen, zweifelt – an sich und am Leben. Ihr Freund:innenkreis bekommt davon nur wenig mit, sie ist geübt darin, ihre Fassade aufrechtzuerhalten, freundlich und gelassen zu wirken. Und das alles, während es in ihrer Innenwelt ganz anders aussieht. Die Erzählung beginnt mit der ersten Sitzung der Psychotherapie, zu der sich Baek Sehee entschieden hat. Über einen Zeitraum von zwölf Wochen zeichnet sie ihre Therapie auf. Sie spricht über lebensmüde Gedanken und darüber, trotzdem noch Lust auf ihr Lieblingsessen zu haben, ihr Aussehen und Urteile, die sie über andere Menschen fällt, Kurzschlussreaktionen, Alkoholkonsum und selbstschädigendes Verhalten.

Baek Sehee “Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch”Buchcover

Persönlicher als gedacht

In zwölf Transkripten können die Lesenden den Therapieprozess mitverfolgen, jeweils umfasst von einem Vor- und Nachspann, in dem die Autorin das Besprochene reflektiert, Erkenntnisse beschreibt und zusammenfasst, was zwischen den Sitzungen geschehen ist. Überschrieben sind die Kapitel mit dem Hauptthema der einzelnen Sitzungen, etwa: “Der Wunsch, etwas Besonderes zu sein, ist nichts Besonders” oder “Sich anpassen, verurteilen, enttäuscht sein, gehen”.

Autobiografisch lässt Baek Sehee die Lesenden an ihren Zweifeln, Ängsten und intimen Gesprächen teilhaben. Das fühlt sich manchmal an, als würde man durch ein Schlüsselloch schauen, manchmal als lese man das Skript für eine neue Therapie-Serie. Es ist schwer, einzuordnen, was das Buch ist. Weder erzählt es eine Geschichte, die einem Spannungsbogen folgt, noch ist es ein Selbsthilfebuch. Gerade darin liegt aber ein Stück von Sehees Wahrheit: Dass das echte Leben eben auch keinen Spannungsbogen hat.

 

Bingo mit Therapie-Begriffen

Trotzdem wirken die Therapie-Gespräche teils wie aus dem Lehrbuch, trotz Hoch- und Tiefpunkten kommen die Erkenntnisse stets verlässlich. Der namenlose Therapeut, der jedes Gespräch mit der Frage “Wie ist es Ihnen ergangen?” einleitet, wirkt weise, vollkommen über den Dingen stehend, auch wenn er immer wieder betont, er könne ihre Probleme nicht für sie lösen, sondern sei zum Zuhören und Fragen stellen da. Dabei werden viele therapeutische Begriffe eingestreut, vom “Über-Ich” zu “destruktive Verhaltensmuster”, “Denkmuster” und dem verlässlichen “Hier und jetzt”. Im Verlauf ihrer Therapie reflektiert ihre Gefühle, Beziehungen, fragt sich, ob sie ihren Job eigentlich mag. Zwischendurch steht die Diagnose einer histronischen Persönlichkeitsstörung im Raum, die sich vor allem durch übermäßige Emotionalität, egozentrisches, theatralisches und extravertiertes Verhalten auszeichnet, um die Aufmerksamkeit der Mitmenschen auf sich zu lenken. Im eigentlichen Fokus ist allerdings die Depression, wegen der sich die Autorin für eine Therapie entschieden hat, in ihrem Fall Dysthymie, auch persistierende depressive Störung genannt.

“Ich war nicht todtraurig, aber glücklich war ich auch nicht, stattdessen bewegte ich mich irgendwo dazwischen. Ich litt sehr darunter, weil ich noch nicht wusste, dass diese widersprüchlichen Gefühle bei vielen Menschen nebeneinander bestehen können und es häufig auch tun”

Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch - Baek Sehee

So schreibt Baek Sehee im Prolog. Es ist wichtig, dass auch dieses Bild von Depression repräsentiert wird. Denn Depression sieht nicht immer so aus, dass Betroffene nicht mehr aufstehen können, es kann auch sein, dass sie erfolgreich sind, lachen, Freundschaften pflegen, äußerlich alles auf die Reihe bekommen.

Selbst-Versöhnlich

“Die Welt neigt dazu, sich zu sehr auf Schwarz oder Weiß einzuschießen; viele meiner Freund:innen verstehen deshalb die Form meiner Depression nicht recht”, schreibt die Autorin. In “Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch”, macht sie genau diese Zerrissenheit, die für sie so leidvoll wird, deutlich. 

“Symptome wie quälende Gedanken oder selbstverletzendes Verhalten sind nicht die einzigen Anzeichen für eine Depression. Wie unser ganzer Körper bei einer leichten Grippe schmerzen kann, ist es ebenso möglich, dass eine leichte Depression unser ganzes Bewusstsein mit Schmerz füllt”

Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch - Baek Sehee

Sehee zeichnet ihren “Gefühlsgezeiten” nach und findet schlussendlich einen selbstversöhnlichen Ton.

Depression kann die unterschiedlichsten Formen, Ausprägungen und Gesichter haben. Das zu zeigen, ist der größte Verdienst des Buches. Ob es tatsächlich hilft, es “in dunklen Zeiten zu Hand zu nehmen”, wie es das Marketing verspricht, ist zweifelhaft. Aber vielleicht kann es helfen, die Angst vor dem Setting einer Therapie zu nehmen und erste Gedankenanstöße geben. Das experimentelle und private Buch ist besonders für diejenigen interessant, die selbst keine Therapie-Erfahrungen gesammelt haben und eine Einführung suchen. Trotzdem kommt es nicht ohne Klischees aus und, wirkt an vielen Stellen als würde es an der Oberfläche bleiben.

Das Buch “Ich will sterben, aber Tteokbokki essen will ich auch” wurde Semikolon vom Rowohlt-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Dieser Beitrag wurde von einer ärztlichen Psychotherapeutin redigiert. 

Maja

Maja

“Psychische Erkrankungen begegnen uns häufiger als wir denken. Wir müssen hinsehen und darüber reden.”