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Was bringen Triggerwarnungen wirklich? #geradejetzt

Das könnte dich jetzt triggern

Triggerwarnungen sind allgegenwärtig – in sozialen Medien, Serien, Podcasts und sogar Universitäten. Sie sollen vor belastenden Inhalten schützen. Doch was, wenn sie gar nicht den gewünschten Effekt haben? Studien legen nahe, dass Triggerwarnungen kaum Einfluss auf emotionale Reaktionen haben und sogar Angst verstärken können. Warum setzen wir sie trotzdem ein – und was sagt das über unseren Umgang mit Trauma und Emotionen aus?

Inhalt

Dieser Text behandelt sensible Themen, die belastend sein könnten. Falls du dich unsicher fühlst, lies ihn nicht oder nicht alleine.

So oder so ähnlich klingen Trigger-Warnungen, die in den letzten Jahren zum festen Bestandteil der Internetkultur geworden sind – als farbig unterlegter Hinweis vor einem Online-Artikel oder Hinweis in einer Instagram-Caption. Sie markieren etwa, dass es in einem Inhalt um psychische Erkrankungen, Tod und Trauer oder Gewalttaten geht, um Leser:innen oder Zuschauer:innen nicht unvorbereitet damit zu konfrontieren – niemand soll überrumpelt werden.

Doch nicht nur im digitalen Raum sind die Warnungen verbreitet. Auch in Programmheften oder Durchsagen vor Theaterstücken, als Hinweise in Büchern, Einblendungen vor Serien (prominent etwa in „Tote Mädchen lügen nicht“) oder Filmen gehören sie mittlerweile zum guten Ton. Auch im universitären Kontext werden sie regelmäßig diskutiert – häufig mit der Forderung, sie auch vor Seminaren oder Vorlesungen zu schalten.

Das Aussprechen von Triggerwarnungen signalisiert Achtsamkeit und Rücksichtnahme. Sie beruhen auf der Annahme, dass wir nicht wissen können, welche Themen für andere Menschen belastend sein könnten – so sehr, dass sie sie triggern. In der Psychologie bezeichnet ein Trigger einen Reiz, der eine Person in ein traumatisches Erlebnis zurückversetzt und intensive emotionale Reaktionen auslösen kann, bis hin zu Panikattacken oder Dissoziationen. Die Hinweise sollen dem vorbeugen. Sie beziehen sich meist auf übergeordnete Themen, gewarnt wird etwa davor, dass es in einem nachfolgenden Inhalt um „Sucht“ oder „Essstörungen“ geht. Doch für Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung sind oft sehr spezifische Reize auslösend – etwa Gerüche, Geräusche, Bilder, Lieder oder Orte –, die sich kaum vorhersehen oder kennzeichnen lassen.

Wirken Triggerwarnungen wirklich?

Psychologische Studien zeigen nun, dass Triggerwarnungen nicht unbedingt die gewünschte Schutzwirkung entfalten und sogar kontraproduktiv wirken können.

Forschende der Acadia- und der Grand Valley State University etwa analysierten eine Reihe bereits bestehender empirischen Untersuchungen zu dem Thema Triggerwarnung.

In einem Experiment etwa wurden Versuchspersonen entweder mit einem Artikel oder einem Video konfrontiert, das entweder eine klassische oder eine modifizierte Triggerwarnung enthielt. Eine Kontrollgruppe erhielt keine Warnung. Anschließend wurden Angstsensitivität und posttraumatische Stresssymptome der Versuchsteilnehmer:innen gemessen – mit dem Ergebnis, dass die Triggerwarnung keinen signifikanten Einfluss auf die emotionale Reaktion hatten.

Auch weitere Studien befassen sich mit dem Thema. Während Umfragen darauf hindeuten, dass die Warnungen sie Menschen helfen könnten, sich emotional auf schwierige Inhalte einzustellen, legen viele andere Untersuchungen, die etwa auf Experimenten beruhen, nahe, dass sie wenig Einfluss auf die Emotionsregulation haben. Stattdessen können sie eine „Erwartungsangst“ hervorrufen – die Warnung selbst erzeugt Anspannung, sodass der nachfolgende Inhalt belastender wahrgenommen wird, als ohne Vorwarnung. Kritiker von Triggerwarnungen nennen das gerne eine Self-fulfilling prophecy. Außerdem merken sie an, dass sie das Vermeidungsverhalten fördern könnten, was im Widerspruch zu vielen therapeutischen Ansätzen steht, die auf kontrollierte Konfrontation bei Trauma und Angst setzen. Untersuchungen zeigen jedoch, dass auch dieser Effekt nur minimal ist.
Damit zeigen die Studien, dass Triggerwarnungen weder signifikant vor Belastung schützen noch zu systematischer Vermeidung führen – vielmehr scheinen sie kaum eine messbare Wirkung zu haben.

Warum sind Triggerwarnungen trotzdem allgegenwärtig?

Obwohl Triggerwarnungen nachweislich kaum eine Wirkung haben, sind sie fester Bestandteil unseres Alltags geworden. Sie sind Teil eines gesellschaftlichen Kulturkampfes und stehen für ein trauma-sensibles Miteinander. Sie zeigen: Wir sehen euch.

Zugleich werden durch die Warnungen psychologische Begriffe in die Alltagssprache übernommen, wodurch die Grenze zwischen belastenden und tatsächlich traumatischen Erlebnissen zunehmend verschwimmt. Immer mehr negative Emotionen werden als potenzielle Trigger betrachtet – mit der impliziten Annahme, dass wir uns jederzeit vor unangenehmen Gefühlen schützen sollten. Sie geben vor, Wahlfreiheit zu gewährleisten – zugleich diktieren sie aber durch die Fremdzuschreibungen derjenigen, die die Warnungen setzen, welche Themen als belastend wahrgenommen werden könnten (und welche nicht). Sowohl der Begriff Trigger, als auch das Wort Retraumatisierung, die durch entsprechende Anmerkungen vermieden werden soll, werden zunehmend inflationär benutzt.

Auch wir auf diesem Blog verwenden Triggerwarnungen. Da wir Themen rund um psychische Gesundheit behandeln und dabei oft tief in persönliche Geschichten eintauchen, wollen wir transparent machen, worauf sich Leser:innen einlassen.

Doch die Debatte um Triggerwarnungen muss weitergehen – bislang bleibt die Frage, wie ein sinnvoller Umgang damit aussieht, noch weitgehend offen.

Dieser Beitrag wurde von einer ärztlichen Psychotherapeutin redigiert. 

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Maja

“Psychische Erkrankungen begegnen uns häufiger als wir denken. Wir müssen hinsehen und darüber reden.”